Interview mit Werner Grassmann
(1. 12. 1999 mit den Online-News des Instituts für Germanistik,
das damals eine Reihe über Kinos in Hamburg machte – Interview als pdf downloaden/anzeigen)

M. H.: Die Gründung des Abaton ist schon durch Ihre Person mit dem Anderen Kino der Filmmacher-Cooperative verbunden. Inwieweit hat dieses andere Kino die Gründung des Abaton beeinflusst?

W. G.: Wir hatten Filme, aber fanden niemand, der unsere Filme zeigte. Da kam die Idee auf, ein eigenes Kino zu haben, in dem wir unsere Filme präsentierten. Das war nicht machbar, weil die Gruppe sehr heterogen war. Jeder hatte andere Vorstellungen, andere Ideen und auch andere finanzielle Möglichkeiten. Wilfried Fedder, ein alter Freund von mir, hatte mich schon jahrelang dahin gehend bearbeitet, ein Kino zu machen, wo man die Filme zu sehen kriegt, die man sonst nicht zu sehen bekam. Wir sind von vorn herein davon ausgegangen, ein kommerzielles Kino zu machen, weil ausreichend Besucher auch eine Art von Legitimation war. Das ist eine Idee, die damals auch bei der Frage der BILD-Zeitung eine Rolle spielte. Die sah sich auch legitimiert durch den Kiosk-Verkauf. Diese Art von Legitimation konnte nicht realisiert werden, da es nicht genügend Leute gab, die das Kino und auch den Verleih der Filmemacher hätten tragen können. Da uns dies schon vorher klar war, sagten wir uns, dass wir auch kommerzielle Filme spielen wollen, aber ein Programm nach eigenem Geschmack machen. Nicht nach filmhistorischen und –ästhetischen Gesichtspunkten, sondern ganz platt Filme, die wir gut fanden. Das hat sich im Lauf der Zeit als tragfähig erwiesen.

M. H.: Gab es Unterstützung durch die Filmemacher der Cooperative?

W. G.: Künstler, da nehme ich mich nicht aus, sind eitel und Demokratie in der Kunst ist hinderlich. Wenn man seine Sache erkannt hat, muss man sie machen und darf sich nicht von demokratischen Gremien dreinreden lassen. Dass zu viele Gremien bestimmen, ist das Unglück der heutigen Filmproduktion. Damals gab es überall den Wunsch, ein anderes Kino zu machen, aber die Umsetzung war nicht möglich. Als das Abaton eröffnete, waren alle Filmemacher begeistert und kamen zur Premiere nicht nur aus der ganzen Republik, sondern auch aus England und Amerika. Kenneth Anger und Bridget Pork, die Chefin der Warhol-Factory kamen; Warhol war leider in Paris abgestürzt, was wir natürlich sehr bedauert haben.

Die Programme der Hamburger Filmemacher hatten immer sehr wenig Publikum, wir haben es immer unser 51 Leute Programm genannt. Da wir davon nicht leben konnten, war es gut, dass wir andere Filme gezeigt haben, die zwar auch ein großes Engagement hatten, aber kommerzieller waren. So wurde das Kino zwar mit Sympathie getragen, aber nicht mit realer Ware, da sie vom Publikum nicht in genügender Zahl angenommen wurde. Dann gab es die Bemühungen um eine Kommunales Kino. Die Idee der öffentlichen Zuschüsse kam ja erst mit Hilmar Hoffmann 1971 auf, als es das Abaton schon gab. Die Stadtväter haben dann gesagt: "Wir brauchen kein Kommunales Kino, wir haben ja schon das Abaton." Das war eine Unverschämtheit, weil wir dadurch den Schwarzen Peter bekamen und die Hamburger Filmemacher sich zurecht beschwerten, dass das Abaton einem Kommunalen Kino im Weg stünde. Als das Kommunale Kino schließlich etabliert war, ging es weiter damit, dass die Stadt sagte, sie finanzierten es nur zu Zwei Drittel. So hatte Heiner Roß dann 200.000 Mark zu wenig in der Kasse und machte das Abaton-Modell. Er zeigte also kommerziell attraktive Filme, damit er das fehlende Geld einspielen konnte. Dadurch nahm er uns aber Publikum weg. Dieser Dissens endete schließlich damit, dass Heiner Roß etwas weniger kommerzielle Filme spielte und wir nicht gleich aufschrien, wenn wieder ein kommerzieller Film dort lief. Die Stadt Hamburg hat es dem Kinogeschäft in den 70ern nicht leicht gemacht.

M. H.: Wie empfanden Sie die Kinolandschaft in den 60er Jahren, vor Gründung des Abaton?

W. G.: Absurd. Es gab kaum Kinos, in die man gehen konnte. Es gab so genannte Filmkunst-Theater. Das Liliencron-Theater in Othmarschen, die Gondel in der Sierichstraße, das war es schon. Es gab hin und wieder auch sehenswerte Filme, die gezeigt wurden. Ich erinnere mich an Blow Up, der im Waterloo-Kino lief. Dann gab es noch das Esplanade. Wir wollten aber Filme haben, die politisch waren und sich auf die Gesellschaft bezogen, nicht nur reine Phantasieprodukte. Der Begriff "Filmkunst-Theater" war uns sowieso etwas suspekt, denn wir wollten engagierte Filme haben. Unsere Idee, das Programmkino, hatte etwas damit zu tun, den Leuten das Programm zu erklären. Wir druckten einen Zettel, auf dem man sehen konnte, welcher Film an welchem Tag zu welcher Stunde lief. Dazu muss man auch sagen, dass Programmkinos heute nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Sie können nur überleben, wenn sie auch Erstaufführungen spielen. Sie spielen heute also ein Programm wie das Esplanade, von dem wir aus früherer Sicht gesagt hätten, es sei uninteressant. Wenn wir überleben wollen, müssen wir auch Filme spielen, die wir nicht als so wahnsinnig zu uns passend empfinden. Sie sind alle gut, aber man kann sie auch woanders sehen.

M. H.: Gab es Filme der amerikanischen Filmmakers Cooperative hier zu sehen?

W. G.: P. Adams Sidney kam mit einer Kiste voll Filmen dieser Gruppe hierher und zeigte sie in Amerika-Häusern und einigen Hörsälen. Das war eine Offenbarung für uns, eine völlig neue Sichtweise von Filmen.

M. H.: Wie haben Sie das Geld auftreiben können?

W. G.: Als Fernsehproduzent war ich relativ erfolgreich und habe eine Menge Fernsehspielfilme gemacht, die unter dem "Kleinen Fernsehspiel" oder den dritten Programmen liefen. Mein Kompagnon Dr. Fedder hat als Anwalt Geld verdient. Das ganze hat 500.000 gekostet, heute würde es wahrscheinlich 3 Millionen kosten. Die Kulturbehörde hatte uns 40.000Mark zugesagt und auf diese Zusage hin haben wir angefangen. Dann wurde dieser Zuschuss vom Finanzsenator Brandes (SPD) abgelehnt, mit der Begründung, dass Kinos alle pleite gingen. Mit der Hamburger Vereinsbank hatte ich als Produzent zusammen gearbeitet. Die haben uns dann ohne Sicherheit 300.000 Mark geliehen, weil sie Zutrauen hatten. Die haben sich natürlich scheckig gelacht über den SPD-Mann, der das Ganze an 40.000 Mark scheitern lassen wollte.

M. H.: Wie haben Sie den Ort gefunden?

W. G.: Über ein Jahr haben wir gesucht. Dann haben wir eine Anzeige gefunden, in der Garagenplätze für Möbellager oder ähnliches angeboten wurden. Der Mann hat uns schließlich seine Garage zur Verfügung gestellt, weil er Sohn eines Filmtheaterbesitzers aus Othmarschen war. Er kannte von klein auf das Kinoleben, hatte geholfen beim Film vorführen, war also unserem Anliegen gegenüber nicht ganz fremd. Freilich wusste er auch, dass man mit Kinoleuten vorsichtig sein muss. Deswegen forderte er von uns, dass wir persönlich für die Miete gerade stehen sollten.

M. H.: Gab es Mieterhöhungen durch die Stadt?

W. G.: Wir hatten zu Beginn einen Herrn Sprinkendorf, der absurde Vorstellungen davon hatte, was man mit einem Kino verdient. Wir zahlen eine anständige Miete hier, da kann sich die Stadt nicht beklagen. Allerdings hat die Stadt inzwischen auch gesehen, dass das Abaton auch ein gewisses Plus für das Image ist. Deshalb finden wir sehr viel Verständnis bei Problemen, die man mit der Stadt zusammen lösen muss. Das Mietproblem ist aber schon seit mindestens 10 Jahren gelöst.

M. H.: Es bestand zu der Zeit, in der Sie schon 19 Bundesfilmpreise bekommen hatten.

W. G.: Inzwischen sind wir bei 35. Die werden für das Programm, für Jugendfilm etc. vergeben. Das wird sich jetzt ändern, weil die Kriterien der Preisvergabe nicht mehr qualitativ, sondern sozial sein werden. Das ist auch in Ordnung, da ein kleines Dorfkino es ja noch schwerer hat als wir. Es muss dann nur auch als solche Vergabe gekennzeichnet werden, nicht als Filmpreis.

M. H.: Gab es zur Gründung Widerstand seitens der Kinobetreiber?

W. G.: Nein. Die haben uns nicht ernst genommen und unseren baldigen Tod vorher gesagt. Wir haben mit den normalen Kinobesitzern immer gut zusammen gearbeitet. Schwierig war es mit so großen Konzernen wie der Ufa, die uns dann Filme blockiert haben. Das ist selten gewesen, weil wir nicht deren Programm gespielt haben. Es gab Mitte der 80er, als wir dazu übergingen mehr und mehr Filme aus dem normalen Verleih zu spielen, einen langwierigen Prozess von vier Jahren vor dem Bundeskartellamt. Da haben wir auf der ganzen Linie gesiegt, so dass es keine Blockade mehr gab.

M. H.: Gab es ein Konzept?

W. G.: Der eigene Geschmack.

M. H.: Waren es nicht auch Filme, die man als Avantgarde-Filme bezeichnen kann, die Sie zuerst gespielt haben? In einem Interview haben sie einmal gesagt: "Wir waren Kinder von 68."

W. G.: Das ist wohl richtig. Aber Avantgarde-Filme im weitesten Sinne. Auch Andy Warhol Filme oder die Filme der Nouvelle Vague zählten dazu. Also Avantgarde-Filme nicht nur im Sinne von "Un Chien Andalou".

M. H.: Da zu Beginn sowohl ein Plattenladen als auch ein Café dazu gehörten, dachte ich, dem Ganzen läge auch die Idee der Etablierung einer Gegenkultur zugrunde.

W. G.: Genau das war das Konzept. Als Sie nach dem Konzept fragten, habe ich natürlich als Programm-Macher geantwortet. Es ging um ein Zentrum, wo man nicht nur Filme sieht, sondern auch sitzt, einen Kaffee trinkt, liest, Schallplatten kauft und so weiter. Mit dem Zeitschriften und Plattenladen haben wir aufgehört, weil drei Mal eingebrochen und alles ausgeräumt wurde. Da die Versicherung nicht mehr zahlen wollte, haben wir das eingestellt. Die Idee mit dem Abat-Inn hat am Anfang schlecht funktioniert, weil Fedder und ich keine Ahnung von Gastronomie hatten. Später haben wir es dann mit einem Chilenen gemacht, der Ahnung davon hatte und vor allem Pizza backen konnte. Heute ist es so, dass wir die Gaststätte verpachtet haben und sie eine Pacht abwirft, die unseren eigentlichen Gewinn ausmacht. Das Kino bringt sehr wenig und ist sehr aufwendig. Die Programmzeitung kostet so um die 18.000 Mark bei einer Auflage von 80.000. Allein für die Programmzeitung brauchen wir also im Jahr 200.000 Mark. Den großen Personalapparat, den wir haben, brauchen wir auch, wenn wir im Monat um die 50 Filme zeigen wollen.

M. H.: Gab es irgendwann die Idee, aus dem Abaton ein Kommunales Kino zu machen?

W. G.: Wir haben nie in dem Sinne versucht, ein Kommunales Kino zu machen. Man kann sagen, dass unser Programm zu Anfang dem Programm eines Kommunalen Kinos gleichkam. Das hätte man nur weiter machen können mit entsprechendem Zuschuss. Die Frage nach öffentlichem Zuschuss ist aber bei uns nie aufgetaucht.
Für unsere Broschüre zur russischen Filmreihe haben wir drei bis viertausend Mark Zuschuss bekommen. Seit ein paar Jahren gibt es den Hamburger Filmpreis. Da kriegen wir und andere Kinos 40.000 Mark, weil wir so tolles Kino machen. Das ist wichtig und hilft sehr, aber in meinen Augen sind das keine Zuschüsse, sondern Entgelt für geleistete gute Arbeit.

M. H.: Warum wurde die Arbeitsgemeinschaft Kino gegründet?

W. G.: Da es in jeder Stadt Leute gab, die unter dem schlechten Kinoangebot litten, fing man an, sich zu organisieren. Es gab Rundreisen, d.h. als wir eine Reihe mit Filmen vom BFI machten, schickten wir die Filme nicht sofort zurück nach England, sondern erst einmal nach Berlin, dann nach München, Frankfurt etc. Dieser Programmaustausch war die Grundidee. Dann gab es einen Interessenaustausch über Technik, über Behandlung durch die Städter. Im Februar 72 haben wir uns dann zu einem Verein zusammen getan. Damit hing der Austausch der Programminformation zusammen. Jedes Kino schickte sein Programm nach Hamburg, hier wurde es gebündelt und somit bekam jedes Kino eine Woche später das Bundesprogramm. So wusste man, was in anderen Kinos gespielt wurde und konnte dann direkt Kontakt aufnehmen mit dem Kino, bei dem man ein interessantes Programm gefunden hatte. Das gibt es auch heute noch, nur ist es nicht mehr so wichtig, da die Leute alle Filme spielen, die es im Verleihangebot gibt.
Dann gibt es die politische Arbeit: Wir haben in der Filmförderungsanstalt unsere Stimme erhoben, haben ein Positionspapier zur Frage des Kommunalen Kinos erarbeitet. Dann der schon erwähnte Kampf vor dem Bundeskartellamt, Querelen über Sitzverteilung in Gremien.
Die AG Kino hatte sich mit Problemen beschäftigt, die die 70er und 80er Jahre betreffen und nun alle gelöst sind. Jetzt gibt es neue Probleme mit den Multiplexen, aber ich weiß nicht, was so ein Verband dagegen machen kann. Gegen Wirtschaftsbosse hat man schlechte Karten, nicht so wie bei den Bürokraten.

M. H.: Die ersten Jahre schrieben sie nur rote Zahlen. Woran lag das?

W. G.: Das lag an mangelnder Besucherzahl. Wir hatten das rosiger gesehen. Einen Film aus London zu holen kostete 600 Mark, das war viel Geld, denn der Eintritt kostete nur 3 Mark fünfzig und wir mussten auch noch die Leihmiete zahlen. Wir haben auch viele Fehler gemacht. Zum Beispiel wollten wir unserem Kurzfilmideal nacheifern und sagten: "Die Vorstellung besteht aus 45 Minuten Kurzfilm und 90 Minuten Hauptfilm. Die Filmmiete wird geteilt zu einem Drittel für Kurzfilme und zu zwei Drittel der Spielfilm." Das war logisch, doch für die Kaufleute absurd, die sich dann durchsetzten. So hätten wir im Endeffekt den ganzen Eintrittspreis abliefern müssen und haben deshalb den Kurzfilm gestrichen. Jeder Kurzfilm, den das Kino zeigt, ist ein finanzielles Engagement, das keinen Gewinn abwirft.

M. H.: Wie haben Sie Besucher in das Kino gelockt?

W. G.: Durch unseren Programmzettel. Es gab auch viel Resonanz bei überregionaler Presse. Die lokalen Zeitungen waren von Zeit zu Zeit hilfreich. Man muss einfach gute Pressearbeit machen und sich engagieren. Anzeigen können wir uns nicht leisten. Das ökonomisch Sinnvollste war, dass wir uns auf die Programmzeitung gestützt haben.

M. H.: Gab es finanziell bedingte Programmänderungen?

W. G.: Wir haben Filme nicht nach dem Motto gespielt "Wenn keine Leute kommen, wird der Film rausgeschmissen". Wir hatten unseren Stolz und sagten, dass wir den und den Film auch dann zeigen, wenn keine Besucher kommen. Das haben wir auch relativ gut durch gehalten. Wir haben das Programm nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten gemacht. Wenn wir das gemacht hätten, wären wir in Nullkommanichts genau so gewesen wie das Esplanade. Dann wäre niemand mehr gekommen. Wir mussten etwas Besonderes machen, was die Leute woanders nicht sehen konnten.

M. H.: Mussten Sie in der Programm-Auswahl Kompromisse eingehen?

W. G.: Das Problem ergab sich gar nicht. Bis 1974 hätte auch eine Änderung unseres Programms nach unserer Meinung nicht mehr Zuschauer ins Kino gebracht. 1975 hatte sich das Abaton so weit etabliert, dass wir ungestraft auch publikumswirksame Filme zeigen konnten. Es gab keine finanziellen Debatten, eher ästhetische.

M. H.: Gab es so etwas wie ein Stammpublikum?

W. G.: Ja, das gibt es auch heute noch. Das ist das Wichtigste für uns, ist aber etwas weniger geworden.

M. H.: Gab es außer der anfänglichen noch andere finanzielle Krisen?

W. G.: 1997 hatten wir einen unglaublichen Einbruch durch das CinemaxX, weil die Leute mal gucken wollten, wie es im CinemaxX war. Das waren Tausende, die das gemacht haben, so dass wir zwar keine existenziellen, doch aber finanzielle Probleme hatten und uns fragten, was wir machen sollen. Wir konnten aber nichts machen. Es hat sich '98 wieder beruhigt.

M. H.: Ist das Multiplex Ihr größter Konkurrent?

W. G.: Nicht weil sie so arbeiten wie wir, sondern weil sie einen riesigen Filmbedarf haben und nehmen, was sie kriegen können. Sie spielen natürlich auch unsere Filme, was nicht bedeutet, dass unser Publikum jetzt plötzlich ins Multiplex läuft. Hier ist ja ein ganz anderes Ambiente, eine ganz andere Atmosphäre. Ein Teil der Leute läuft jedoch dort hin. Und Kinos gehen nicht pleite, wenn 100% Besucherschwund ist, sondern wenn 20-30% Besucher fehlen.
Das Generationsproblem ist entscheidend. Wenn bei uns jemand kommt, der 30 ist, sagen wir, da kommt schon wieder ein alter Mann. Das Overscreening macht auch vor den Programmkinos nicht halt, genau so wenig wie vor den Multiplexen. Das Multiplex ist vor allem gefährlich für das Konsumkino, das, was Sie "gewöhnliche" Kinos nennen. Da werden sicherlich einige pleite gehen und sicherlich werden darunter auch einige Programmkinos sein.

M. H.: Wie kann man auf eine solche Konkurrenz reagieren?

W. G.: Durchhalten. Die Werbung können Sie nicht verbessern, denn die muss schon gut sein, sonst ist es ein schlecht geführtes Programmkino. Sie können auch nicht die Technik verbessern. Sie können vielleicht die Stühle verbessern, die Toiletten, was bei vielen Kinos im Argen liegt. Sie können die Wände neu anmalen, aber deswegen kommt kein Mensch mehr ins Kino. Ich weiß nicht, was man da machen kann. Personal abbauen vielleicht, viel selber machen, Kosten sparen. Bloß da müssen Sie aufpassen, wo. Wenn Sie bei der Werbung sparen, kann es ganz schnell zu Ende sein.

M. H.: Ändert sich das Programm?

W. G.: Die Programmkinos haben in der Vergangenheit, um Geld zu verdienen, von ihrem speziellen Filmangebot Abschied genommen. Das hat auch Veränderungen beim Publikum gegeben. Jemand, der russische oder arabische Filme sehen will, geht jetzt nicht mehr ins Kino, sondern sieht es sich Nachts um halb Drei im Fernsehen an. Die Programmkinos haben also zum Teil ihr Publikum durch eine Programmpolitik verloren, die auf dieses Stammpublikum keine Rücksicht genommen hat. Das ist z.T. auch die Schuld der Gemeinden, denn wenn die ihre Kinos nur etwas unterstützt hätten, dann hätten die bei ihrem Programm bleiben können und das Publikum halten.

M. H.: Gibt es Austausch zwischen den Programmkinos?

W. G.: Leute, die zum Beispiel anfragen, wie eine Reihe ankommt und sie dann eventuell in ihr Programm aufnehmen. Das läuft über die AG Kino mit ihrem Programmversand. Früher hatte die AG Kino einen eigenen Verleih, der den Mitgliedern Filme zur Verfügung stellte. Der Verleih ging jedoch aus demokratischen Gründen pleite, weil die Mitglieder das nicht ausreichend gestützt haben und es kommerziell nicht erfolgreich war. Das Archiv ist Konkurs gegangen vor 10 Jahren, die Filme sind an die Lizenzgeber zurück gegangen. Der AG-Kino-Verleih ist völlig tot. Viele Kopien sind dann im Metropolis gelandet, aber nicht die Rechte. Unser Archiv war in Gegensatz zu jenem aber kommerziell, eine Film-Verleih-Stelle.

M. H.: Gibt es vielleicht auch Austausch bezüglich der Konkurrenz durch das Multiplex?

W. G.: Man telefoniert viel, trifft sich auf Festivals, redet viel. Früher gab es die Herbsttagung der AG Kino, die aber mangels Zuspruch eingeschlafen ist. Die Hamburger Kinotage waren eine Art Programmesse, wo Filme gezeigt wurden, die die Mitglieder auf Festivals gesehen haben und die keinen Verleih gefunden hatten. Die es aber wert waren, gezeigt zu werden. Die wurden dann nach Hamburg eingeladen und dem Publikum vor geführt. Aus der Reaktion des Publikums schloss man dann, ob man den Film nach Deutschland holt oder nicht. Das hat jahrelang gut funktioniert. Dann gab es das Low-Budget-Forum, so dass es zwei konkurrierende Festivals gab, die sich gegenseitig die Filme weg nahmen. Als Kind der Kinotage und des Low Budget Forums ergab sich das jetzige Filmfest, allerdings über schmerzvolle Diskussionen und Verunglimpfungen.